Gedanken aus der Yogapraxis
UJJĀYĪ PRĀṆĀYĀMA: SIEGES-ZÜGE DES ATEMS (Teil 2)
Februar 2026
In einer seiner Vorlesungen, die Georg Friedrich Wilhelm Hegel im Wintersemester 1822–23 an der Berliner Universität hielt, soll der große Philosoph des Idealismus gesagt haben, dass der Weg des Geistes der Umweg sei (55). Julius Caesar, dessen Triumphzug unversehens den ersten Absatz des letzten Blogbeitrags durchquerte, würde ihm en passant erwidern, dass das unerheblich sei, schlussendlich führten doch alle Wege nach Rom. Videbimus: Wir werden sehen. Nachdem wir also der Entfaltung des ujjāyī prāṇāyāma auf einem historischen Umweg nachgegangen sind, der uns von den Schriften der Veden bis in die moderne Mysore-Praxis geführt hat, werden wir nun – wie der Atem selbst – umkehren und den Weg durch die Geschichte zurückgehen, um die Entwicklung der Bezeichnung ujjāyī: ‚siegreich‘ nachzuvollziehen. So wird der Umweg zum Zen-Kreis.
Kehren wir also zunächst zum haṭhayoga zurück, in dessen früheren Texten (13. Jh.) die ersten Erläuterungen einer ujjāyī-Praxis überliefert sind. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes haṭha: ‚Kraft‘, ‚Stärke‘, sogar ‚Gewalt‘, deutet den Zusammenhang mit einer ‚siegreichen‘ Praxis bereits an: Um die Lebensenergie – ob bindu, prāṇā oder kuṇḍalinī – zu erhalten bzw. zu erwecken, wird sie mittels rigorosester Körper-, Atem- und Meditationstechniken in die zentrale Axis des Körpers hinein und durch sie nach oben gepresst, wo sie sich am höchsten Punkt des Kopfes mit dem Göttlichen vereint und der Yogi mokṣa, Befreiung erlangt (Gorakṣaśataka 74–86). Ein Jahrtausend früher beschreibt Patañjali diesen Prozess als eine nach Innen gerichtete Abgliederung des Menschen von der Welt, des Körpers von der leiblichen Erfahrung, des Atems vom Atmen, der Sinne von den Eindrücken, des Geistes von der Kognition, bis der Yogi alle weltlichen Anhaftungen überwunden hat und so kaivalya, die vollkommene Isolation in svarūpa, seinem wahren Wesen erreicht (Yogasūtra 4.34).
Hat der Yogi einmal den Kreislauf der Wiedergeburten überwunden, kann er sich – wo immer ‚er‘ dann sein mag – fraglos als siegreich erachten. An dieser Stelle tippt mir eine energische Manicula I auf die Schulter, die mich mahnt G, dass in den entsprechenden Textstellen das Wort ujjāyī E gar nicht vorkommt. Nicht dort, gebe ich ihr zu, dafür umso prominenter anderswo bei Patañjali, nämlich im dritten Buch des Yogasūtra, im vibūthi-pādaḥ, in dem es um das Erlangen übernatürlicher Kräfte geht, und weise sie meinerseits darauf hin F, dass das Wort dort nicht weniger als sechs Mal vorkommt. Die Manicula gibt sich beschwichtigt C. Mit Hinblick auf prāṇāyāma sind vor allem die Verse 39–40 interessant:
udāna-jayāj-jala-paṅka-kaṇṭaka-ādiṣv-asaṅga utkrāntiś-ca
Aus der Meisterung (jaya) des ‚Herauf-Atems‘ (udāna) entsteht Nichthaften an Wasser, Schlamm, Dornen und das Aufsteigen [aus ihnen].
samāna-jayāj-jvalanam
Aus der Meisterung (jaya) des ‚Zusammen-Atems‘ (samāna) entsteht Leuchten.
Hat der Yogi die Elemente und Energien in seinem Körper unterworfen, überwindet er – man könnte fast sagen: logischerweise – auch die Gesetze der erweiterten Natur und fliegt, wie es schon die asketischen keśin im Ṛg Veda tun (10.136), wie der Wind durch die Luft. Die Besiegung des Urstoffs (sthūla, 3.44), sogar der noch unentfalteten Natur (pradhāna, 3.48) scheint da nur konsequent.
Vyāsa, Patañjalis erster und wichtigster Kommentator, schreibt der Meisterung des udāna prāṇā eine weitere Befähigung zu, die mit Hinblick auf mokṣa bzw. kaivalya von größerer Bedeutung ist als die Levitation: Durch die Beherrschung seines Atems ist es dem Yogi im Moment seines Todes möglich, den aufwärts gerichteten Pfad zur endgültigen Erlösung einzuschlagen, statt den absteigenden Weg in die Wiedergeburt herunterzuschlittern. Schon die Bhagavad Gītā besingt diese alles entscheidende Verzweigung (8.26) und schon das Mahābhārata-Epos (das die Gītā enthält) erzählt viele Jahrhunderte vor Patañjali die Geschichte des Königs Ikṣvāku und seines Brahmanen, die kraft der Konzentration ihres Atems und der Versenkung ihres Geistes ihr Selbst in den Kopf aufsteigen lassen, von wo es sich in einer strahlenden Flamme (jyotiḥ) durch den Gaumen zum Himmel erhebt (12.193.15–25).
So hatten es auch die Krieger des großen Epos gemacht, die im Übrigen zu den Ersten gehören, die das yoga-verwandte Wort yukta (von √yuj-: ‚jochen‘) nutzen, um das Anschirren von Pferden an ihre Streitwagen zu beschreiben. Im Kampf besiegt und gefallen, nutzen sie die Techniken des Yoga, um ihr Kriegsgespann in ein Vehikel spiritueller Befreiung und weltlicher Transzendenz zu transformieren. Über den Weg der Enthaltsamkeit und das Terrain der Meditation hielten sie, ujjāyī: siegreich emporsteigend, Einzug in die Gefilde Brahmans (12.228.8–15). Die Triumphzüge Caesars verblassen dagegen.
Der Yogaleitfaden des Patañjali, übersetzt und herausgegeben von Reinhard Palm, Reclam, 2010.
Hegel, Georg Friedrich Wilhelm. „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie I.“ Werke in zwanzig Bänden, herausgegeben von Eva Moldenhauer und Karl Markus Michel, Bd. 18, Suhrkamp, 1986.
Mallinson, Jim, und Mark Singleton, Herausgeber. Roots of Yoga. Penguin, 2017.
The Yoga Sūtras of Patañjali, übersetzt und herausgegeben von Edwin F. Bryant, North Point Press, 2009.
von Sarah Sallmann (Februar 2026)
UJJĀYĪ PRĀṆĀYĀMA: SIEGES-ZÜGE DES ATEMS
Januar 2026
Oft sind es die (vermeintlich) einfachsten Fragen zu den (vermeintlich) selbstverständlichsten Dingen, die Menschen wie mich, die sich zuweilen auf der (vermeintlich) Sicherheit dessen, was sie zu wissen meinen, ausruhen, wachrütteln und ihnen – ganz im Sinne des griechischen Philosophen Sokrates – die Augen dafür öffnen, was sie alles nicht wissen. Es war also eine weise Freundin, die mich fragte, warum ujjāyī prāṇāyāma, die hör- und fühlbare Atmung, die den Körper wie ein inneres Meeresrauschen durchdringt, heißt, wie sie heißt: ‚siegreich‘. Eine gute Frage, sagte ich ihr (und mir), nicht zuletzt, weil das Wort ‚siegreich‘ Assoziationen wecken kann, die mit Yoga – wo es doch um Achtsamkeit, Gewaltlosigkeit und Verbindung geht – zunächst wenig zu tun haben scheinen. Die Triumphzüge Julius Caesars zogen vor meinem inneren Auge vorbei: die Kriegsgefangenen und das Spolium, das Schimmelviergespann und der Prunkwagen, das goldbestickte Purpurgewand und der krönende Eichenblattkranz, Offiziere, Soldaten, befreite Bürger und, über allem wehend, die imperiale Standarte mit den historischen Worten VENI, VIDI, VICI: Ich kam, sah, siegte. You get the picture.
Zwischen den Triumphzügen des pontifex maximus und den Sieges-Zügen des ujjāyī prāṇāyāma scheinen Welten zu liegen, doch offenbart ein Blick in die ältesten Texte des indischen Subkontinents, die Veden, dass prāṇa und universale Herrschaft schon früh zusammengedacht werden:
prāṇāya namo yasya sarvam idam vaśe | yo bhūtaḥ sarvasyeśvaro yasmin sarvam pratishthitam
Ich verneige mich vor dem Atem (prāṇā), in dessen Kontrolle (vaśe) dieses alles (sarva) ist, der der höchste Herr (īśvara) von allem ist, in dem alles feststeht.
Atharva Veda 11.4.1
Allerdings finden sich hier, in der großen Schriftensammlung der Veden, keine detaillierten Beschreibungen einer prāṇāyāma-, geschweige denn einer ujjāyī-Praxis. Erst die Anfangstexte des haṭhayoga, die ca. 1300 Jahre nach dem Ende der Veden entstehen, formulieren systematische und differenzierte Praktiken – unter anderem ujjāyī, das im Gorakṣaśataka des 13. Jahrhunderts zum ersten Mal mit Techniken der Atemkontrolle in Verbindung steht: Ein Geräusch erzeugend (welches genau wird nicht spezifiziert) atmet der Yogi mit geschlossenem Mund durch beide Nasenlöcher ein, sodass die Luft den Bereich zwischen Kehle und Herz berührt, sodann hält er den Atem an, um ihn zuletzt durch das linke Nasenloch auszuatmen (36–39). Die therapeutischen Wirkungen sind bemerkenswert – das hitzige Gemüt kühlt ab, das Verdauungsfeuer entfacht, Schleim und Ödeme verfließen, Unausgewogenheiten im Körper gleichen sich aus (id.) – und werden noch 700 Jahre später von den Pionieren des modern postural yoga überliefert, untersucht und weiterentwickelt.
Ein im Westen weniger bekannter Yogi, Swami Kuvalayananda (geb. Jagannath Ganesh Gune), der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der wissenschaftlichen Untersuchung der psychophysischen Wirkungen des Hathayoga widmete, beschreibt ujjāyī erstmals als Atemtechnik, mit der die Stimmritzen verengt werden, um einatmend einen reibenden, rauschenden Laut zu erzeugen (69). Krishnamacharya, der Kuvalayananda in den 1930er Jahren an seinem Kaivalyadhama Institute in Lonavala aufsuchte, greift diese Beschreibung auf, bezieht die Ausatmung mit ein, erweitert die Echokammer der Reibung von der Kehle bis zum Zwerchfell (91), unterteilt die Praxis in drei Variationen (91–93), und räumt ujjāyī prāṇāyāma eine zentrale Stellung in der Yogapraxis ein: „[Es] gewährleistet das Wohlbefinden des Körpers und ist zudem eine Hilfestellung für die Kontrolle des Geistes, um jene höheren Zustände zu erreichen, die das Ziel des Yoga sind“ (102).
Doch so hoch Krishnamacharyas Ziele für die prāṇāyāma-Praxis gewesen sein mögen, so bodenständig könnten seine Gründe für deren Verbindung mit der āsana-Praxis gewesen sein. So schreibt Mark Singleton 2010 in seinem wegweisenden Buch Yoga Body, dass āsanas, die Krishnamacharyas Schüler – unter ihnen B. K. S. Iyengar und Patthabi Jois – am Jaganmohan Palace in Mysore in den dort regelmäßig stattfindenden Darbietungen vorführten, für „fünf (bis maximal acht) hörbare ‚ujjayi‘ Atemzüge“ (195) gehalten wurden, u. a. um ihnen „die perfekte Synchronisation des Hineingehens in und Herauskommens aus einer Haltung zu ermöglichen“ (id.). Der Weg vom Mysore Palace zum Mysore Room ist ein denkbar kurzer: ujjāyī prāṇāyāma wurde zu einem der drei Grundpfeiler des Ashtanga Yoga Systems und die āsanas der sechs Serien werden für fünf hörbare Atemzüge gehalten.
Beantwortet diese kurze Genealogie der ‚siegreichen‘ Atemtechnik die Frage nach dem Grund ihres Namens? Nicht direkt. Dafür müssen wir den Weg zurück durch die Texte des Yoga gehen: von Svātmārāmas Haṭhapradīpikā über Patañjalis Yogasūtra bis zum Mahābhārata-Epos. Fortsetzung folgt.
Krishnamacharya, Tirumalay. „Yoga Makaranda: Part II“ Internet Archive. https://archive.org/details/YogaMakarandaPart2SriTKrishnamacharya/Yoga-Makaranda-Part-2-Sri-T-Krishnamacharya/page/n1/mode/2up. Abrufen am 14. Dezember 2025.
Kuvalayananda, Swami. Prâṇâyâma: Part One. Kaivalyadhama, 1931.
Mallinson, Jim, und Mark Singleton, Herausgeber. Roots of Yoga. Penguin, 2017.
Singleton, Mark. Yoga Body: The Origins of Modern Posture Practice. Oxford University Press, 2010.
von Sarah Sallmann (Januar 2026) (Alle Zitate sind von der Verfasserin übersetzt.)
DIE UR-SPRÜNGE DES VINYASA
Dezember 2025
विन्यास (vinyāsa) vi-: Abfolge, Anordnung & nyāsa: Platzierung, Positionierung,
Platzierung in einer bestimmten Abfolge‘
Nicht wenige Menschen, die von ihren ersten Eindrücken vom Ashtanga Vinyasa Yoga erzählen, berichten noch immer mit staunenden Augen von dem Moment, in dem sie zum ersten Mal einen Mysore Room betraten: In der Wärme des Raums und dem Rauschen der Atmung schienen die Praktizierenden durch ihre Bewegungen zu fliegen, Füße lösten sich mit unerklärlicher Selbstverständlichkeit aus Vorbeugen vom Boden ab, Körper glitten mühe- und geräuschlos in den Liegestütz, schwebten nach einigen Atemzügen in den Handstand, um dort für einen Moment innezuhalten bevor die Füße, leicht wie ein herabfallendes Herbstblatt, wieder am Anfang der Matte landeten. Das alte Versprechen früher Yogatexte schien hier, im Fluss der Sonnengrüße und vinyāsa, eingelöst:
kāya-ākāśayoḥ saṃbandha-saṃyamāl-laghu-tūla-samāpatteś-ca-ākaśa-gamanam
Aus der Gesamtausrichtung auf den Zusammenhang von Körper und Äther und durch die konzentrierte Meditation auf die Leichtigkeit von Baumwolle entsteht die Fähigkeit durch den Luftraum zu schreiten.
(Patañjali: Yogas. 3.43)
Obwohl Patthabi Jois stets betonte, dass sich das von ihm entwickelte (āsana-orienterte) Ashtanga Yoga in Patañjalis (meditativ ausgerichtetem) aṣṭāṅgayoga begründet, lassen sich die Ursprünge des vinyāsa beim besten Willen nicht im Yogasūtra finden. Vielversprechender ist sein Verweis auf einen Rishi namens Vāmana und dessen Schrift Yoga Koruṇṭa, die Tirumalai Krishnamacharya, Jois guru und Begründer des modern postural yoga, als grundlegend und wegweisend für die von ihm gelehrte Methodik benannt hat:
Werden Asanas und Surya Namaskara praktiziert, soll dies nur nach der verordneten Methode geschehen. In den Worten des Weisen Vamana: „vina vinyasa yogena asanadin na karayet“ [Oh Yogi, verrichte kein Asana ohne Vinyasa].
(Jois 2010, S. 30)
Wie so oft bei Ur- und Gründungstexten, sind die Seiten des Manuskripts und die Spuren seines Verfassers im Laufe der Zeit mit dem Winde verweht und die Suche nach den Ursprüngen des vinyāsa im Sande verlaufen – bis vor wenigen Jahren zwei Wissenschaftler am Centre of Yoga Studies der University of London einer neuen Fährte folgten, die sie zu einem Text führte, der mit quasi-mythischen Anfängen und übernatürlichen Fähigkeiten rein gar nichts zu tun hat: einem Handbuch für Gymnastik, dem Vyāyāmdīpike (‚Licht auf Leibesübungen‘), das von S. R. Bharadwaj in Mysore geschrieben und 1896 veröffentlicht wurde. Darin beschrieben wird (u. a.) das sogenannte jhōku, eine dynamische Abfolge von Bewegungen zwischen Haltungen, die dem vinyāsa des Ashtanga Yoga frappierend ähnlich sind: Aus einer hockenden Position – die Arme nach vorne ausgestreckt, die Hände am Boden, das Gesicht nach unten gerichtet – zieht sich der Gymnast zunächst nach vorne in einen tiefen Liegestütz und richtet sodann, die Arme streckend, den Oberkörper in eine Rückbeuge auf. In die Sprache des Yoga übersetzt: adho mukha śvānāsana (‚herabschauender Hund‘), caturaṅga daṇḍāsana (‚viergliedrige Stabhaltung‘), ūrdhva mukha śvānāsana (‚heraufschauender Hund‘).
Hat damit das vinyāsa seinen anfänglichen Zauber verloren? Nicht unbedingt. Denn auch jenseits der Anfänge, vielleicht gerade dort, kann sich der Zauber einer Praxis entfalten. Krishnamacharyas Weiterentwicklung des Yoga als vinyāsa krama umfasst mehr als nur die dynamischen Übergänge zwischen zwei āsanas; es beinhaltet auch die Anordnung von āsanas in einer bestimmten Sequenz und die einzelnen Schritte, in ein āsana hinein- und aus ihm herausführen. Dieses vielschichtige, ineinandergreifende Zusammenspiel von Bewegung und Atmung kann, mit der Zeit, zu jenem Erleben führen, dessen Bezeichnung heute ergänzend oder synonym zum Begriff vinyāsa benutzt wird: flow. Die vertiefte, (selbst-)reflexionsfreie Entfaltung in einer Tätigkeit bei voller Hingabe und hoher Konzentration, in der zuletzt die Zeit stillzustehen scheint: Kann sie nicht doch ein möglicher Ausdruck der meditativen Sammlung (pratyāhāra), Konzentration (dhāraṇā) und Kontemplation (dhyāna) sein, die in Patañjalis aṣṭāṅgayoga zu samādhi führen? Wenn ja, könnte vinyāsa im Sinne des yoga ursprünglicher kaum sein.
Birch, J.; Singleton, M. (2019) The Yoga of the Haṭhābhyāsapaddhati: Haṭhayoga on the Cusp of Modernity. Journal of Yoga Studies 2019, 2, 3–70. doi: https://doi.org/10.34000/JoYS.2019.V2.002
Bharadwaj, S. R. (1896) The Vyāyāmadīpike, Elements of Gymnastic Exercises, Indian System. Bangalore: Caxton Press.
Jois, K. P. (2010) Yoga Mala. New York: North Point Press. (Übersetzt von der Verfasserin)
Keller, J. (2025) Flow-Erleben [online]. Ulm: Universität Ulm, 27.02.2025. https://www.uni-ulm.de/in/psy-soz/forschung/forschung/flow-erleben/ [Zugriff am 15.11.2025]
Palm, R. [Hrsg.] (2010) Pātañjalayogasūtram – Der Yogaleitfaden des Patañjali. Stuttgart: Reclam.
von Sarah Sallmann (Dezember 2025)
PERFORMATIVE PRACTICES
November 2025
„Ein buddhistischer Mönch war allein in einem Tempel. Er warf sich zu Boden, schlug sich kräftig auf die Brust und murmelte halblaut: ‚Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts...‘ Da betrat ein Novize den Tempel. Er blickte sich um, entdeckte den Mönch und kniete neben ihm nieder. Gemeinsam mit dem Mönch murmelte auch er: ‚Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts...‘ Plötzlich kam das Faktotum und wollte im Tempel den Fußboden fegen. Als es die beiden Knienden sah, kniete es auch nieder und sprach mit den anderen beiden im Chor: ‚Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts...‘ Da stieß der Mönch den Novizen an und sagte ziemlich entrüstet: ‚Na, da schau an, wer sich alles einbildet, ein Nichts zu sein.‘
Und die Moral von der Geschicht‘: Selbst das Nichts schützt vor Rang und Namen nicht!“
Philosophie-Kalender 2025 | 27.02.2025 | Harenberg Verlag
Man sagt, es gäbe im Yoga (und vor allem im Ashtanga) Menschen, die mit ihrer Praxis etwas beweisen wollen: sich selbst, dem/der Lehrenden, den anderen Praktizierenden. Man sagt auch, es gäbe im Yoga (vor allem im Ashtanga) Menschen, die zuweilen auf jene andere, die mit ihrer Praxis schon etwas weiter sind – alleine Drop-Backs machen, durch ihre Vinyasas schweben, die dritte, vierte, fünfte Serie üben – mit einem gewissen Gefühl von Scheelsucht schielen. Man sagt außerdem, es gäbe im Yoga (vor allem im Ashtanga) Menschen, Praktizierende wie Lehrende, die, betont-beiläufig bei jeder erst- und zweitbesten Gelegenheit, anderen Menschen, Praktizierenden wie Lehrenden, erzählen, wo sie überall praktiziert haben und mit wem und wie lange und welche Grade der Qualifizierung, Autorisierung, Zertifizierung – übrigens auch: Verletzungen – sie im Laufe der Zeit angesammelt haben.
So sagt man. Was wissen wir schon davon.
So weit, so menschlich. Und doch: Sollten es nicht gerade jene Vertreter unserer mundanen Spezies sein, die ihr Leben in Gänze oder zum Teil oder auch nur für ein oder zwei Stunden am Ende einer langen Woche einer Praxis widmen – Yoga, zum Beispiel –, in der es gerade nicht um Leistung und Ergebnisse und Vergleiche gehen soll, sondern vielmehr um Einsicht und Akzeptanz und Authentizität, die von solchen Konkurrenzkämpfen und Profilierungsgebaren Abstand nehmen sollten? Of course! Zeigt die Tatsache, dass es (mancherorts) nicht so ist, nicht auf, dass Yoga gar nicht funktioniert? Of course not! Ganz im Gegenteil: Wie durch ein Vergrößerungsglas – Richard Freeman würde sagen: wie in einem Spiegel – zeigt uns die Praxis des Yoga deutlich die uns bewussten und die uns unbewussten Denk- und Handlungsmuster auf – selbst dann, wenn wir meinen, sie längst erkannt und abgelegt zu haben.
Hierzu eine Anekdote aus meiner eigenen Praxis:
Im Sommer 2025 hatte ich das große Glück zusammen mit 50 tollen Menschen an einem Teacher Intensive mit Richard Freeman und Mary Taylor teilzunehmen. Über die vier Wochen des Kurses habe ich morgens neben einer außerordentlich sympathischen Norwegerin praktiziert, die sehr gewissenhaft an der vierten Ashtanga-Serie arbeitete während ich versuchte, mich wieder in die zweite Serie einzufinden. „That’s perfectly fine,“ sagte ich mir, „sie macht das Ihre, ich mache das Meine, ein jedem das Seine. Ich freue mich für sie und für ihre fortgeschrittene Praxis und akzeptiere voll und ganz wo ich bin. Allerdings... ganz nebenbei am Rande gefragt: Sind meine Asanas nicht viel integrierter? Fließt mein Atem nicht viel tiefer? Bin ich, in meiner bescheidenen Zufriedenheit mit den ersten beiden Serien, nicht eigentlich viel fortgeschrittener als diejenigen, die meinen, sie müssten unbedingt die Advanced Series meistern?“ So schnell schleicht sich das vergleichende, konkurrierende Denken über die Hinterwege einer vermeintlichen Akzeptanz und Gelassenheit in die Praxis ein: Wenn schon nicht in Flexibilität und Kraft überlegen, dann doch wenigstens in Aufmerksamkeit, Atmung und Intention!
Chögyam Trungpa (1939–87), Begründer der Shambala-Zentren in Nordamerika und Europa, hat sich in mehreren Vorträgen und Gesprächen in den 1970er Jahren mit den Fallgruben- und stricken spiritueller Praktiken auseinandergesetzt, die er in seinem gleichnamigen Buch als ‚spirituellen Materialismus‘ bezeichnet. Darin weißt er eindringlich darauf hin, dass „das Ego sich alles zu seinem eigenen Nutzen macht, sogar die Spiritualität“ (S. 13). Wie? Lehren und Praktiken werden als etwas betrachtet, was außerhalb von uns existiert – ein Ideal, das wir uns mithilfe bestimmter Texte, Bilder und/oder Leitfiguren vorstellen, dem wir nacheifern, an dem wir uns messen und mit anderen vergleichen können. Die Praxis wird so schnell zur performance: „Wenn der Lehrer von der Aufgabe des Egos spricht, imitieren wir die Aufgabe des Egos“ (id.). Wozu? Um uns darin bestätigt zu sehen, dass wir völlig ohne Ego sind – und damit unseren armen, ego-verhafteten Mitmenschen überlegen. Tragisch-komisch ist daran, dass wir zwar wirklich meinen, authentischer und empathischer und präsenter zu sein – schließlich, so denken wir, haben wir uns ja der Illusion unseres Egos befreit –, uns dabei aber immer weiter darin verstricken.
Auch das ist sehr menschlich – und damit, in einer gewissen Weise, sehr authentisch. Der Punktum saliens ist es, diese unsere Wesensart wahrzunehmen, sie anzuerkennen, und ihr mit Einsicht und Humor zu begegnen. Dann wird nicht nur ersichtlich, wer, im Falle unserer buddhistischen sangha vom Anfang, derjenige ist, der sich nur einbildet, ein Nichts zu sein, sondern auch möglich, durch den Hochmut zur Demut, durch die Illusion zur Realität und – im konkreten Kontext des Yoga – von den poses in die āsanas, von der performance zur Praxis zu kommen.
Trungpa, Chöyam (2002) Cutting Through Spiritual Materialism. Boston & London: Shambhala. (Übersetzt von der Verfasserin)
von Sarah Sallmann (November 2025)
Die Weisheit des Staunens
Oktober 2025
Staunen, sagte der griechische Philosoph Sokrates vor circa 2.500 Jahren, steht am Anfang der Philosophie (Plat. Tht. 155d). Der Mensch – in diesem Fall ist es der junge Mathematiker Theaitetos, den der Sokrates in einen seiner verfänglichen Dialoge verwickelt hat – sieht sich mit den Grenzen seines Wissens konfrontiert und kann, jedenfalls für einen Moment, nicht mehr als mit großen Augen und offenem Mund vor der unermesslichen Weite und Tiefe der Wirklichkeit stehen. Von hier geht er los, schreibt Aristoteles ungefähr einhundert Jahre später, um seiner Unwissenheit zu entkommen, denn es liege in der Natur des Menschen, nach Wissen zu streben, das beweise dessen Freude an den Wahrnehmungen seiner Sinne (Met. 980a). Und so beginnt er zu philosophieren (Met. 982b) – oder Yoga zu praktizieren.
Schon in der ersten (uns bekannten) Definition von Yoga, die wir in einem der frühen Upanishaden – einer Sammlung philosophischer Schriften des Hinduismus, die zwischen 700 und 200 v. u. Z. niedergeschrieben wurden –, wird Yoga unmittelbar mit der Kenntnis der ultimativen Wahrheit in Verbindung gebracht:
„Sobald die fünf Erkenntnisse der Sinne Die feste Bändigung der Sinneskräfte
Zusammenruhen mit dem Denken Nennt man die ‚Konzentration‘ [tām yogam].“
Und der Verstand sich nicht mehr regt,
Nennt man dies den höchsten Zustand. (Kath. 6.10–11)
Patañjalis bekanntes Sutra „yogaś citta-vṛtti-nirodhaḥ“ (1.2), in dem er Yoga als das Stillstehen der Bewusstseinsbewegungen beschreibt, klingt hier, etwa 600 Jahre früher, bereits deutlich an. Gleichzeitig zeigt sich ein wesentlicher Unterschied zu dem, wie wir heute Erkenntnisse gewinnen und was wir unter Wissen verstehen: Nicht die empirische Beobachtung, kritische Analyse und logische Schlussfolgerung, sondern – so vermittelt es Krishna auch Arjuna in der Bhagavad Gītā (3.42) – gerade die Transzendierung der Sinneswahrnehmungen, des Verstandes, der Vernunft und sogar des höchsten Selbst, von ātman, führen zu wahrer Kenntnis und zur Erkenntnis der Wahrheit. Warum? Weil unsere Wahrnehmung und unser Denken immer biologisch determiniert, historisch entstanden und kulturell geprägt und damit in ihrer Erkenntnisfähigkeit begrenzt sind. Erst wenn die vielfältigen Bewegungen des Bewusstseins, die unsere Weltanschauung färben und formen, stillstehen, ist absolute Erkenntnis – d. h. Erkenntnis [, die die Unterscheidung von Subjekt (Erkennendem) und Objekt (Erkanntem) aufhebt – möglich. Patañjali bringt es so auf den Punkt:
„kṣīṇa-vṛtter abhijātasyeva maṇer grahī tṛ-grahaṇa-grāhyeṣu tat-stha-tad-añjanatā samāpatthiḥ“
Der Zustand [des Verstandes], dessen Bewegungen in Bezug auf den Erkennenden, das Instrument der Erkenntnis und das Erkannte abgeklungen sind, ist wie der eines Juwels, der die Farbe dessen zur Erscheinung bringt, das vor ihm steht. (Yogas. 1.41)
Heißt das, dass alles, was wir wahrnehmen und denken, hinfällig ist? Nein: Auch Patañjali setzt eine Art intellektuelle Tätigkeit, nämlich die differenzierende Wahrnehmung von Gedankenkonstrukten und Wirklichkeit, als Mittel zum Loslösen vom Denken voraus (Yogas. 2.26). Wenn das Denken vom Subjekt zum Objekt der Erkenntnis wird und durch die verschiedenen Übungswege des Yoga zum Stehen kommt – das, über die indogermanische Wurzel √sthau-, aus dem sich die uns bekannte Haltung samathitiḥ ableitet, mit dem Staunen verwandt ist –, kann, in einem Moment der Klarheit und Stille, die Wirklichkeit erkannt werden: tattva.
Das wusste vielleicht auch Sokrates. Seinem jungen Gesprächspartner, jedenfalls, erteilt der eminente Philosoph keine Rüge – im Gegenteil: „Gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der Weisheit, das Staunen,“ (Plat. Tht. 155d) ermuntert er ihn und lehrt uns alle, dass das Staunen bestenfalls nicht nur am Anfang, sondern auch am Ende jeder Suche nach Wahrheit und Wirklichkeit steht.
von Sarah Sallmann (Oktober 2025)